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Wie Karl Marx LKW-Fahrer wurde Ein Interview mit dem Cyberdichter Horst Zebrafink
Wie führt man ein Interview mit einem Dichter, der nur unter Pseudonym schreibt? Wie kommuniziert man mit jemandem, dessen erklärte Arbeitsweise es ist, nicht öffentlich zu sein? Wer mit Herrn Zebrafink „sprechen“ will, bekommt normalerweise eine Internetadresse, ein Datum und eine Uhrzeit. Ich beobachte seit einigen Jahren die Bewegungen des Dichters im Cyberspace. Was er von sich preisgibt ist nicht viel: Er ist etwa 44 Jahre alt. Er hält Lesungen nur spontan vor „Leuten die normalerweise nie eine Lesung besuchen würden.“ In Mannheim liest er manchmal an einem Kiosk. Er kommt aus der ostdeutschen Provinz und verdient sein Geld durch Gelegenheitsarbeiten. Unter anderem war er nach seiner Übersiedlung in den Westen (nach dem Fall der Mauer) in einem NANZ Supermarkt beschäftigt. Seine ersten „Gebrauchsgedichte“ schrieb er deshalb als: „Der weise Mann vom NANZ“. Dann wechselte er sein Pseudonym. Heute schreibt er als Horst Zebrafink. Er scheint sich also mit seinen Pseudonymen bestimmten Situationen anzupassen. Sein Stil jedoch bleibt unverkennbar. Ich folgte meinem Instinkt um Herrn Zebrafink zu einem persönlichen Gespräch zu bewegen. Ich schrieb dem Dichter unter dem Decknamen Tina Tollkirsch und gab zunächst vor selbst eine anonym operierende Schriftstellerin zu sein. Ich sendete ihm einige Reportagen die ich geschrieben hatte, unter diesem Decknamen. So konnte ich eine Vertrauens-Basis herstellen, die es mir dann ermöglichte mein Anliegen offen anzusprechen. Das Interview fand in der Al Hamra Bar, Berlin Prenzlauer Berg am 25. September 2007 statt. Ich lebe und arbeite in Berlin als freie Journalistin. Das Al Hamra wirkt orientalisch. Es gibt eine Bar sowie Tische mit Zugang in den Cyberspace. Der Dichter ist pünktlich. Allerdings verzögert sich der Anfang des Gespräches durch einen interessierten Gast, der mit dem Dichter ins Fachsimpeln kommt. Zwei Fahrrad-Spezialisten haben sich gefunden! Horst Zebrafink trägt eine stark beanspruchte Lederjacke die sicher eine eigene Geschichte zu erzählen hat. Nachdem er sich mir kurz vorstellt, gehen die beiden hinaus. Vor der Tür entflammt sich ein Gespräch über das eigenartige Fahrrad des Dichters. Schnell geht es um Details wie den Afri-Cola-Halter, der nun stolz vorgeführt wird. Eine Flasche wird in den Halter gesteckt und darauf verwiesen, dass dieser so konstruiert ist, dass die Flasche beim „Fahrbetrieb“ keine unerwünschten Nebengeräusche macht. Adressen werden ausgetauscht und wir dürfen vermuten, dass sich dies nicht das letzte Gespräch über das Thema Fahrrad sein wird. Diese unerwartete Begegnung, schafft eine gewisse Gelöstheit bei dem Dichter. Diese Stimmung nutze ich, denn die emotionalen Schwankungen von Herrn Zebrafink sind berüchtigt. Im Augenblick herrscht Sonnenschein, doch im Laufe des Interviews habe ich auch ein herannahendes Gewitter wahrnehmen können. Ich beginne deshalb sofort mit einer Frage, die ich ursprünglich nach hinten angestellt hätte.
I n t e r v i e w:
Tina Tollkirsch: Was hat es mit Deiner Anonymität auf sich? Horst Zebrafink: Du kommst schnell zum Punkt. Es gibt zwei Gründe die ich Dir nennen möchte: Der erste und wichtigste ist, dass ich so einfach am Besten arbeiten kann. Ich schreibe über Menschen und die verhalten sich anders wenn sie wissen, dass ich Schriftsteller bin. Durch meine Anonymität kommt das Leben frontal auf mich zu. Die Leute verhalten sich natürlich. An meinem letzten Arbeitsplatz hat mich ein Vorgesetzter zum Beispiel so behandelt als sei ich geistig zurückgeblieben. Das finde ich wunderbar, denn mit einem Besen in der Hand bin ich einfach näher an der Wirklichkeit, als mit einem Aufnahmegerät oder einem Mikro. Er hat Sätze vom Stapel gelassen, die ich mir gleich danach aufschreiben konnte. Es hat Vorteile unterschätzt zu werden. Der zweite Punkt ist, dass ich mich abgrenzen möchte. Von zwei deutschen Traditionen denen ich nicht folge, nicht angehöre und auch nicht angehören will. Meine heutige Arbeitsweise hat viel damit zu tun, dass ich vor diesen zwei Strömungen stets auf der Flucht war: in der ehemaligen DDR ebenso wie hier im Westen. T. T.: Von welchen Traditionen sprichst Du? H. Z: Zum einen gehöre ich nicht der Tradition an deren wichtigster Vertreter Goethe ist: dem Literaturbeamtentum. Ich meine nichts gegen unseren cleveren Beamten Goethe, der ja in seinem Amt durchaus öffentlich gewirkt hat. Etwas was gewiss nicht jeder Staatsdiener von sich behaupten kann. Ich habe jedoch eher ungünstige Erfahrungen gemacht mit dieser Art von Leuten, die in staatlichen Organisationen sitzen, abgesichert und im Glauben, sie müssten sich in dieser edlen Distanz literarisch über das äußern was draußen vor sich geht. Zum zweiten gehöre ich keiner Kultur oder Literatur-Gemeinschaft an. Auch davon halte ich mich fern. Ich bin kein Freund kultureller Vereinsmeierei. Ich arbeite auf einem Feld in dem diese Art von Leuten möglichst nicht vorkommt. (Herr Zebrafink bestellt sich ein „gemütliches Weizenbier.“) T. T.: In einem Deiner Gedichte über Politik schreibst du: „Ich bin die gute Domina, halt’ euch ein Schlaf-Gut-Seminar“. Das hört sich wie eine Satire an. Bist Du ein Satiriker? H. Z.: Eindeutig Nein. Ich habe durchaus eine Botschaft: Wir brauchen in Deutschland mehr Demokratie von unten. Diesbezüglich genügt das Jammern über die gegenwärtige politische Situation nicht. Wir die Schriftsteller, die Künstler im Allgemeinen nehmen heute eine Schlüsselrolle ein und zwar in der Hinsicht, dass wir dringend neue Formen des Austauschs brauchen. Die staatlich organisierte Demokratie genügt nicht mehr um die Probleme der Gegenwart zu bewältigen. Die Unternehmen und die Politiker schleichen alle um die Künstler herum, weil sie genau spüren, dass sie zum Wirtschaftsfaktor geworden sind. Vor allem Politiker sonnen sich gerne im Licht erfolgreicher Künstler. Ist das ein Zufall? Ganz sicher nicht! Es ist jedoch ein Unterschied ob die Künstler selbst wie Unternehmer handeln, und anfangen ihr Potenzial zu nutzen und sich dessen bewusst zu sein, oder ob sie sich von Unternehmern, Politikern vor deren Karren spannen lassen. Vor allem im Bereich der Medien, müsste mehr an Einflussnahme von Seiten der Künstler stattfinden. Es ist von entscheidender Bedeutung welche Art von Filmmärchen und Geschichten im Fernsehen und im Kino laufen. In diesem Sinn bin ich kein Satiriker der nur Kritik übt. Ich arbeite deshalb mit Künstlern und Leuten zusammen, die in dieser Richtung etwas bewegen wollen. T. T: Du meinst also, dass die Künstler in einer globalen Welt, eine Schlüsselrolle einnehmen? H. Z.: Die Künstler haben heute mehr Macht und damit mehr Verantwortung, denn Kommunikation ist in einer vernetzten Welt ein wesentlicher Faktor. Die Künstler sind - um das Bild eines Organismus zu verwenden - die Sinneszellen einer Gesellschaft. Sie nehmen gesellschaftliche Trends oft um Jahrzehnte früher wahr als die Mehrheit. Sie sind diejenigen die es schaffen können einer Mehrheit klar zumachen, dass Verzicht zugunsten der Umwelt chic und cool ist. Im Augenblick ist es chic die meisten Spielzeuge zu besitzen die der Markt hervorbringt. Die Künstler können mit Hilfe der Medien diesen Trend umkehren. Der erhobene Zeigefinger oder die Moralkeule der Politiker wird da alleine nicht genügen. Wir brauchen eine neue Einstellung zu den Dingen: Es muss cool sein, nachhaltig und ökologisch zu handeln. Mit anderen Worten: Es muss cool sein freiwilligen Verzicht zu üben. T. T.: Ich frage Dich nun einmal als Sinneszelle der Gesellschaft: Wohin bewegen wir uns? H. Z.: Als poetische Sinneszelle mit einem Weizenbier im Schädel sage ich jetzt folgendes: Im Augenblick sieht es so aus, als ob wir uns auf den totalen Markt zu bewegen. Gegenwärtig ist der Markt der einzige dynamische Impulsgeber, der zu Recht viele erschreckt. Kaum jemand hat mehr politische Visionen; und wenn wir sehen, was in der DDR passiert ist, kann man das auch verstehen. Aber diese Welt funktioniert nicht ohne Politik und ohne inspirierende politische Ideen. Wir müssen also nach neuen Konzepten suchen um die Demokratie zu erneuern. Doch augenblicklich herrscht Ratlosigkeit. Einige ganz Verzweifelte wollen auf gründlich gescheiterte Konzepte zurückgreifen. Die Rechten wie die Linken. Verzweiflung ist jedoch stets der schlechteste politische Ratgeber. Es herrscht heute trotz oder gerade wegen einem Informationsüberangebot ein erhöhter Bedarf nach Orientierung. T. T.: An welchen Merkmalen zeigt sich diese Ratlosigkeit? Nenn mir bitte ein Beispiel. H. Z.: Am meisten ratlos sind die Parteien und Organisationen die jetzt auf den Begriff der Solidarität zurückgreifen. In der Tat ist es so, wir bräuchten so etwas wie Solidarität, denn überall spüren wir, dass diese sozusagen digitalisiert wird. Alte gewachsene Formen von Solidarität lösen sich auf. Aber welche Art von Solidarität meinen denn Herr Beck und Herr Lafontaine konkret? Etwa die Solidarität vom Supermarkt? Das Problem der prekär Beschäftigten ist es gerade, dass alle von Solidarität faseln sich diese jedoch in der Praxis nicht mehr oder nur sehr schwer organisieren lässt. Nicht nach den alten Rezepten! Außerdem erscheint mir das Wort in Bezug auf uns Deutsche merkwürdig. Der Historiker Helmuth Plessner hat uns einmal als „ein Volk von Einzelnen“ beschrieben. Das deckt sich mit dem was ich beobachte: Man hat in Deutschland vielleicht eine Ahnung von der Pflege seines Autos, aber ganz bestimmt nicht davon wie man Beziehungen pflegt. Hinzu kommt: die politische Solidarität und die meine ich, wird hier leider oft mit Gemeinschaft gleichgesetzt. Der Gemeinschaftsgedanke tendiert aber zur Geschlossenheit und nicht zur Offenheit. Wir brauchen jedoch mehr pragmatische Offenheit! Die CDU-CSU demonstriert den Gemeinschafts-Gedanken in beeindruckender Weise. Sie hat zwar kaum inspirierende politische Ideen doch die Partei ist „geschlossen“. Geschlossenheit ist das erste Anliegen der Gemeinschaft. Andererseits ist dieses Konzept natürlich sehr erfolgreich, denn viele der anderen Parteien stellen sich in der Öffentlichkeit allzu oft als ein zerstrittener, uneiniger Kindergarten dar. Da wirken Frau Merkel und ihre Kollegen natürlich sehr beruhigend und kompetent auf unser so auf Sicherheit fixiertes Volk. Aber diese Gemütlichkeit und Ruhe ist trügerisch und gefährlich. Mir wird jedoch auch an der Basis zuviel über das Geld und zuwenig über anstehende Veränderungen geredet. Vor allem zuwenig davon was wir selbst tun können. T. T.: Was sollten wir denn selber tun? H. Z.: In der Wirtschaft hat man seit Jahren erkannt, dass Kommunikation und Kooperation zwei wichtige Faktoren sind. In gesellschaftlichen Belangen hinkt man in diesem Punkt schwer hinterher. Die dringendste Frage bleibt sicherlich: Wie definieren und organisieren wir Arbeit heute? Darum sage ich es noch einmal: Wir brauchen in Deutschland mehr Demokratie von unten. Das ist mein Mantra. Was fehlt sind angemessene, zeitgemäße, pragmatische Formen des Austausches. Wie und in welchen Formen kommunizieren wir? Wie und in welchen Formen können wir kooperieren, ohne dass es am Ende ein Kindergarten herauskommt? T. T: Dann frage ich: Wie kann man erfolgreich kooperieren? H. Z.: Ich habe da ganz bestimmt keine allumfassende Antwort. Meine Erfahrungen jedenfalls sind nicht sehr erfreulich. Mir selbst fällt Offenheit immer schwerer. Ich rede ja gerade davon, dass man diese Formen erst suchen muss. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass wir uns auch in gesellschaftlichen Fragen mehr am unternehmerischen Denken orientieren müssen. Das bedeutet für mich als Dichter, dass ich weder die staatliche Betreuung anvisiere, noch in einen Künstlerverein eintreten möchte, der nach den Prinzipien der Gemeinschaft funktioniert. Ich strebe danach mich wie ein Unternehmer zu organisieren und auf dem Markt zu agieren. Darum begreife ich mich als Dienstleister. T. T.: Wie sieht deine poetische Dienstleistung aus? H. Z.: Ich gehe mit Sprache um, also dem Werkzeug mit dem wir uns Orientierung verschaffen können. Meine Tätigkeit als Dichter könnte in die Sprache der Dienstleistung etwa so lauten: Ich biete verwirrten Konsumpiloten Orientierung an, in Form von Minigeschichten. T. T.: Du definierst dich also mehr als Unternehmer und weniger als Künstler? H. Z.: Mir kommt der Begriff des Ideenunternehmers entgegen. Damit kann ich mich mehr identifizieren wie mit dem Begriff des Künstlers. Im Gegensatz zum Konzept der Ich-AG zielt das Konzept des Ideenunternehmers auf Kooperation, nicht auf das Handeln als Einzelkämpfer. Die meisten der Einzelkämpfer landen am Ende doch wieder in der staatlichen Betreuung. Diejenigen, die glauben sie könnten als Rambo erfolgreich sein, haben das Grundsätzliche nicht verstanden. Ich möchte in 10 Jahren nicht in ein Amt gehen müssen um meine Miete bezahlen zu können. Und ich möchte auch nicht prekär beschäftigt sein. Ich meine also mit mehr Demokratie von unten vor allem die Frage, wie wir selbst und nicht der Staat und die etablierten Konzerne unsere Arbeit definieren und organisieren. Ich sehe da keinen anderen Weg als selbst unternehmerisch tätig zu werden. Mein Vorteil als Dichter ist: Ich bin in der Lage mir eine Orientierung zu verschaffen. Ich bin gezwungen diesen Vorteil für mich zu nutzen. (Herr Zebrafink winkt dem Barmann freundlich zu) T. T.: Nun möchte ich Dich an dieser Stelle einmal fragen, warum du dich mit diesem politischen Anliegen nicht öffentlicher äußerst? (Ein schwerer Seufzer ist zu hören. Für einen Augenblick scheint es als wolle der Dichter in seiner Lederjacke versinken.) H. Z.: Du spielst auf den Umstand an, dass ich keine öffentliche Person bin. Genau genommen ist das jedoch nicht ganz richtig. Ich nehme das Internet als Medium recht ernst. Ich glaube, dass es möglich ist, im Netz Poesie auf eine völlig neue Art zu vermitteln. Ich bin nun einmal Dichter und kein Mensch der im Fernsehen oder im Radio ein gutes und überzeugendes Bild abgeben würde. Ganz bestimmt nicht. Ich finde jeder soll und muss sich auf die Fähigkeiten trainieren auf denen er auch erfolgreich wirken kann. Ich bin jemand der gut darin ist Geschichten zu ernten. Übrigens habe ich auch einige Gebrauchslieder geschrieben. Die wurden auch vertont, von einem Musiker. Was dabei herauskam hat sehr gut zusammengepasst. Ich war ziemlich begeistert. Leider ist der Musiker heute nicht mehr aufzufinden. So ist aus der Sache nie etwas geworden. Meine Lieder verschimmeln nun in einer Schublade. Kooperation unter Künstlern ist leider ein endlos seltsames Unterfangen. Aber ich werde am Ball bleiben: Eines Tages wird es eine CD mit Gebrauchsliedern geben. Vielleicht von ganz verschiedenen Musikern. Das ist auch eine Form öffentlich zu sein. T. T.: Ist es wahr, dass sich deine Bibliothek in einer Garage befindet? H. Z.: Ja das stimmt schon. Aber es ist sehr gemütlich dort: hübscher Teppich, Schaukelstuhl, Gasheizung, Glasbausteine, ein Kaktus, alles ganz reizend. T. T.: Wie entstehen deine Geschichten? Wie arbeitest du? H. Z.: Im Augenblick ist Mannheim für mich eine Fundgrube von Geschichten. Alles kommt dort von alleine auf mich zu. Manchmal ist das, was da kommt ein wenig zu heftig. Ich muss es eigentlich nur aufschreiben. T. T.: Erzähle mir bitte eine solche heftige Geschichte. H. Z.: Du möchtest ein Beispiel haben? (Der Dichter stöbert eine Weile in seinem geistigen Archiv.) Dass ich ein überzeugter Fahrradfahrer bin, hast du nun schon mitbekommen. Kurz bevor ich nach Berlin kam, war ich auf dem Weg zur Arbeit. Die Fahrrad-Highways in Mannheim, der Geburtsstadt des Fahrrades, sind leider nicht auf Komfort für Fahrradfahrer ausgerichtet. Autos haben immer Vorfahrt und das Auto kommt ja übrigens auch aus Mannheim. Wie dem auch sei: Ohne Kenntnis der besten Abkürzungen bist du in Mannheim als Radfahrer aufgeschmissen. Ich befahre also gerade einen dieser Schleichwege in der Nähe des Containerbahnhofs am Hafen. Dort gibt es eine ganze Menge LKW-Betrieb. Die Fahrer so mein Eindruck sind oft unterschwellig aggressiv oder übermüdet. Jedenfalls ist es nicht das erste Mal, dass ich dort lebensbedrohliche Situationen erlebt habe. Da überholt mich ein LKW. Das Monster fährt etwa 15 cm knapp an dieser Lederjacke vorbei! Ich balanciere also um mein Leben. Ich befinde mich zwischen dem LKW und einem Bordstein der zu hoch ist um draufzuhüpfen, ohne eine Schlenkerbewegung zu machen, die für mich nicht sehr vorteilhaft ausgehen kann. In solchen Situationen bin ich als Dichter doppelt gefährdet, weil mir dann Bilder kommen die ich mir merken will. So stelle ich mir den Fahrer als einen stark gestressten Familienvater vor. Um es kurz zu machen: Als ich diese Situation überlebt habe, hatte ich bereits einen poetischen Abdruck des Fahrers und genug Killer-Hormone im Blut um den rücksichtslosen Hund an der nächsten Ampel einzuholen um wild gestikulierend meinen Unmut kundzutun. Dann sehe ich einen Fahrer der absolut nichts mit meiner ursprünglichen Vision zu tun hat. In der Fahrerkabine sitz kein geringerer als Karl Marx. Bekleidet mit einer Hippie-Kutte, völlig ahnungslos, dass er mich eben gerade fast umgebracht hat. Ich hole also noch mitten auf der Strasse mein Notizbuch raus und notiere: Karl Marx fährt heute LKW! Meistens sind es diese konkreten Erlebnisse die dann am Ende Substanz haben. Daraus bastle ich dann meine Geschichten. Ich frage mich wie Marx sich heute verhalten würde. Es ist dann nicht abwegig, dass er heute als LKW-Fahrer sein Geld verdienen würde, um seine neue Globalisierungstheorie fertig zu denken. So in etwa läuft das mit meiner Schreiberei! T. T.: Was hat es mit den Kiosken auf sich? Ich nehme an, dass du auch dort Geschichten einfängst und literarisch ausbeutest? H. Z.: Ich nenne das nicht Ausbeutung. Ich bin Ideenunternehmer kein Kapitalist. Ich würde sagen: Ich sammle diese Geschichten, damit sie nicht verloren gehen. Das tue ich mit Respekt, denn hinter jeder Geschichte steckt ja oft eine ganze Menge Elend. Tatsächlich finde ich an diesen seltsamen Kiosken in Mannheim meine Inspiration. Ich glaube das hat auch damit zu tun, dass ich in der DDR aufgewachsen bin. Heute am Kiosk herumzulungern ist für mich wie an den Tümpel meiner Kindheit zurückzukehren. An einen Tümpel, der für mich nie zugänglich war. Ich finde das was die Leute bewegt in einer Art Miniatur. Am Kiosk gibt es nicht nur Bier, Schnaps und Schokoriegel es gibt es dort auch Lebensberatung und Fiktion. Das größte Revolverblatt Deutschlands - die Bild-Zeitung - gehört da genauso dazu, wie Perry Rhodan oder die Gaslichtromane. Dieser so genannte Schund ist oft handwerklich ziemlich solide gewoben. Die Bildzeitung zum Beispiel befriedigt den Bedarf nach einem Überblick über das Medienchaos und den Bedarf nach Vereinfachung komplexer Sachverhalte. Diese hysterische Art der Nachrichten-Fiktion ist natürlich sehr bedenklich, wegen ihrer oft destruktiven Wirkung. Schlagzeilen wie: „Wir sind Papst!“ mag vielleicht keine Poesie sein, aber solche Sätze wirken. Wer mit Sprache umgeht, kann das nicht ignorieren. Mehr noch: Wer heute erfolgreich sein möchte, muss lernen was auf dem Markt funktioniert. Geschichten sind zunächst einmal Vereinfachungen der Wirklichkeit. Die entscheidende Frage ist jedoch: Wie vereinfacht man Geschichten? Gute Poesie hat auch immer damit zu tun einen Sachverhalt in die passenden Metaphern umzuformen. Wenn das gelingt, hat man den Institutionen der Dummheit auch etwas entgegenzusetzen. Ein Song von Iggy Pop ist übrigens so ein Gegengewicht. Es ist also möglich auch in diesem Rahmen authentisch zu bleiben. T. T.: Der Kiosk ist also eine Art Experimentierfeld? H. Z.: Nein, es ist nur ein Ort der mich interessiert, weil dort immer Dinge geschehen die niemand planen kann. Natürlich frage ich mich: Wie erzählst du dort eine Geschichte, die auch in Konkurrenz zur Bildzeitung und Jägermeister funktioniert? Gleichzeitig ist der Kiosk natürlich eine Metapher für den Markt, und für die Massenkultur. Wenn du am Kiosk bestehen willst als Poet, bist du gezwungen schnell auf den Punkt zu kommen. Langeweile ist dort verboten! Ich glaube das ist das erste der ungeschriebenen Marktgesetze: Langeweile ist einfach nicht angesagt! Die Politik hat das leider noch nicht begriffen. Sie kommt auf die denkbar ungünstigste Weise bei den Bürgern an: Nämlich in Form von unverständlichen Formularen. Der Staat wird deshalb immer mehr als ein Unternehmen wahrgenommen, das nicht richtig funktioniert. Natürlich ist der Staat kein Unternehmen und er darf es auch nicht sein. Aber Staatsdiener die in erster Linie „nicht zuständig“ sind und „nicht weiterhelfen“ können, müssen gegenüber den Service-Leistungen eines Unternehmens zwangsläufig in einem ungünstigen Licht erscheinen. Irgendwann wird einfach niemand mehr verstehen, was diese „Leute mit den Formularen“ überhaupt wollen. Und die Frage taucht auf: Muss Demokratie tatsächlich so langweilig sein? Der Markt ist gegenüber dem Staat eindeutig im Vorteil. Denn das zweite Gesetz am Kiosk lautet: Drücke dich klar und verständlich aus. Diese ungeschriebenen Marktgesetze hat kein Gesetzgeber, kein Parlament je verabschiedet. Der Markt ist ohne politische Visionen einfach das, was übrigbleibt. Der Markt hat gewonnen - Marx hat verloren. Er fährt heute LKW und das nicht besonders gut, wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Darum meine ich: Wer heute die Dinge verändern will, muss dies auf dem Markt tun, als Unternehmer. T. T.: Du möchtest also als poetischer Dienstleister auf dem Markt erfolgreich sein? H. Z.: Ich möchte es so sagen: Ich will als poetischer Dienstleister in Kooperation mit anderen Ideeunternehmern auf dem Markt erfolgreich sein, weil mich die Künstler im Verein und die staatlich betreuten Kollegen - diplomatisch ausgedrückt - ein wenig langweilen. Ich halte die Organisationsform des Vereins und die Organisationsformen, die Bürokraten vorgeben schlicht für ineffektiv. Es ist deshalb an der Zeit, dass die Künstler sich selbst als Wirtschaftsfaktor begreifen und als Unternehmer auftreten. Sie können dann selbst entscheiden, welche Ideen sie mit ihrer Arbeit fördern wollen. Sie haben die Macht wirkliche und nicht nur scheinbare Innovationen sichtbar zu machen. Hier liegen ihr Potential und ihre Verantwortung. T. T.: Du glaubst also an einen gestaltbaren Markt? H. Z.: Ich glaube vor allem daran dass, der Staat gründlich und nicht nur ein bisschen reformiert werden muss. Am Ende werden die Armen den Staat brauchen. Die Konzerne und die Neoliberalen sind, es die den Staat abschaffen wollen. Doch welche Institution außer dem Staat ist in der Lage einen Brutal-Kapitalismus in die Schranken zu weisen und zu regulieren? Ich glaube jedoch nicht, dass sich der Staat von selbst und von innen reformiert. Es muss mehr Druck von unten kommen. Wir brauchen auch hier mehr Einflussnahme. Und ja: Man muss den Markt als eine gestaltbare politische Ebene begreifen. Als Unternehmer und als Verbraucher. Der Markt bedeutet ja nicht nur: „Geiz ist geil!“ sondern auch Afri-Cola und Iggy Pop. Er bedeutet die alltägliche Wahlentscheidung. Die Verbraucher können durch ihre Wahl auch Ideenunternehmer unterstützen. Sie können sich für die besseren Produkte und Dienstleistungen entscheiden. Ich misstraue der politischen Nostalgie, die heute betrieben wird. Wir brauchen neue Formen von Demokratie und keine Nostalgie. Nirgends ist ein Rückgriff auf alte Ideen mehr zu fürchten als in Deutschland. Hier träumt man sich sehr gerne rückwärts. Das gilt nicht nur für die „Rechten“, sondern auch für die „Linken“. Was genau will denn Herr Lafontaine? Etwa den Soft-Kommunismus? Mir sind da sechs verschiedene Packungen Wunderkerzen lieber, als nur eine für alle, wie in der DDR. (Herr Zebrafink winkt und zahlt seine Zeche.) Nachspann: Nach dem Gespräch zieht Herr Zebrafink eine Art Pilotenmütze plus Brille aus seiner Jacke. Vor dem Al Hamra steigt er gemächlich auf sein Gefährt. Er winkt mir zum Abschied, fädelt locker in den Verkehr ein, und verschwindet langsam in einem Meer von Rücklichtern. Kann man auf einem Fahrrad cool wirken? Herr Zebrafink jedenfalls wirkt so. Dann ist er weg. Nur seine Worte kleben noch in meinem Kopf. Ende |
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